PAUSE
- 2. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Julia kam völlig entnervt nach Hause. Es war eine anstrengende Zeit für sie. Die Kinder waren noch klein. Sie ging arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten, ihr Mann war seit zwei Jahren erkrankt. Die Eltern lebten in einer anderen Stadt und ihr soziales Netz, auf das sie sich im ersten Jahr der Erkrankung noch voll und ganz verlassen konnte, bröckelte mehr und mehr.
Manchmal saß sie am Küchentisch, den Becher mit warmem Tee fest umklammernd und starrte Löcher in die Luft. Sie fühlte sich matt und erschlagen.
„PAUSE“ klang es in ihrem Kopf, PAUSE, PAUSE, PAUSE! Sie wusste, PAUSE gab es keine und es war auch keine Pause in Sicht.
Hin und wieder, wenn die Kinder bei Freundinnen untergebracht waren, gönnte sie sich einen Cappuccino bei Uschi in dem italienischen Café, das unweit ihrer Arbeitsstelle lag. „Hallo, wie geht´s, wie immer einen Cappu?“ Allein diese wenigen Worte und das Lächeln, das ihr entgegenstrahlte, bewirkten ein Gefühl von Glück, sobald sie das Café betrat. Es war fast mehr die Begegnung als der Cappuccino selbst, die sie aus ihrem Alltagstrott herausriss und ein Gefühl von Ankommen und Gesehen-werden in ihr hinterließ. In diesen wenigen Minuten konnte sie vergessen, konnte bewusst atmen und spürte die Veränderung in ihrem Körper. Sie suchte sich einen kleinen Tisch am Fenster, schloss die Augen und genoss den Augenblick. „Pause“, es war, als fragte ihr Kopf vorsichtig an: „Wirklich Pause?“ „Ja“, antwortete sie, „wirklich Pause.“ Sie atmete tief ein, in ihrem Gesicht entstand ein Lächeln, ihr Körper entspannte vorsichtig, wurde warm, wohlig und sie nahm sich vor, ab nun regelmäßig bei Uschi vorbeizugehen und den kurzen Augenblick einen Cappuccino-lang zu genießen.
Pause, mitten im Alltag, allein die Vorstellung tat ihr gut und ließ sie ruhig und gestärkt nach Hause gehen.
„Manchmal musst du auf Pause drücken, damit deine Seele dich wieder einholen kann.“
Wie oft geraten wir an unsere Grenzen? Nehmen sie gar nicht mehr wahr oder ignorieren sie bewusst? So wie es Julia geht, so geht es vielen Frauen und Müttern. Wir sind getrieben: Arbeiten, Haushalt, Kinder, Partner, soziale Kontakte, organisieren, zuhören, trösten und immer wieder Da-Sein für alle um uns herum.
Ob wir gelernt haben, uns zurückzunehmen, zuerst die anderen zu sehen, oder ob der Alltag uns so fordert, dass wir die eigenen Bedürfnisse und Wünsche hintenanstellen, wir versuchen zu funktionieren. Die wilde Frau in uns oder auch Baba Yaga genannt ist still geworden, doch sie lebt weiter und zeigt sich nicht selten in Form von Unzufriedenheit, Angst und Wut. Die Baba Yaga wohnt in jeder Frau. Sie hat ihr Zuhause an dem heiligsten Ort in uns, sie wohnt im Becken. In diesem stillen und zugleich lebendigsten Teil unseres Körpers und sie lässt uns nicht zur Ruhe kommen, bis sie gesehen und gehört wurde. Doch wie kommen wir ihr näher? Was können wir tun, um die Lebendigkeit in uns wieder zu spüren? Wie Julia versuchen wir durch kleine Auszeiten uns die Aufmerksamkeit zu schenken, die wir benötigen, um kraftvoll und gesund zu sein, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, um sicher zu stellen, dass wir gesehen und gehört werden. Meist ist das die Leistung der Gedanken, es sind die guten Vorsätze. Was hindert uns daran, unsere Seele, unseren Körper ernst zu nehmen, die vielen Hilferufe zu beachten? Schenke Deinem Körper wieder Zeit und Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Das Grübeln allein bewirkt keine Veränderung.
Durch das bewusste Atmen und die Aufmerksamkeit für den Weg deines Atems bis in dein Becken hinein, entsteht ein Raum in dir. In diesem Raum wirst du die Lebendigkeit, die Kraft der wilden Frau wieder spüren lernen, auch wenn es eine Weile braucht. Die Kraft war immer da, lerne, sie wieder wahrzunehmen, zu erspüren und gib ihr den Raum, den sie braucht. Atme bewusst sooft es dir in den Sinn kommt und nimm den Weg zu deinem Becken. Deine Seele wird lächeln und deine Augen erstrahlen lassen. Genieße jeden Atemzug, denn es ist nicht der Cappuccino, der Julia lächeln ließ und ihren Körper entspannte. Es ist ihr tiefes Einatmen, das ihr Entspannung und innere Ruhe schenkte.